Erzähler Hansjörg Ostermayer

Mitglied im Landesverband freier Theater


Enneagramm und Erzählen

Weswegen spricht der zeitgenössische Sufi-Autor Idries Schah in einem Schwank um den weisen Narren Nasreddin ausgerechnet von „neun“ – nicht etwa von „sieben“ oder „zehn“ störrischen Eseln?

Ähnlich wie der frühchristliche Wüsteneremit Evagrius Ponticus (345 – 399 n. Chr.) und das von seiner Lehre abgeleitete Enneagramm, so sehen offenbar auch Sufi-Erzähler n e u n fundamentale Notlösungen bzw. Übertreibungen bei der Persönlichkeitsbildung – in besagtem Schwank symbolisiert durch „neun Esel“.

Was wir beim „Reiten“ beobachten können, sind leider nur die a n d e r e n Biester:
jene acht Grauschimmel, auf denen wir n i c h t selber sitzen. Das biblische Wort vom Splitter und vom Balken mag manchem Gleichnisliebhaber hier als Analogie in den Sinn kommen, sicher nicht zu unrecht, denn beide Sinnbilder sollen die Fähigkeit zur Selbstkritik fördern – sowie: unserem Blick auf die Mitmenschen die gebotene Verhältnismäßigkeit verschaffen.

Was nun die Esel-Metapher betrifft:
Mein eigener mir angestammter Esel und die Esel meiner Mitmenschen – zusammen sind es n e u n . Meint Idries Schah. Wie zuvor schon Evagrius Ponticus. Neun prächtige, aber nichtsdestoweniger störrische Esel zu zählen, dies ist allerdings eine Herausforderung:
Nur derjenige, der vom eigenen Reittier steigt, sieht die komplette Herde und vermag schlussendlich das Eselhafte in sich selbst zu erfassen... Wie lautet doch der kürzeste aller Nasreddin-Scherze?

„Hodscha, dein Esel ist verschwunden!“
„Na, so ein Glück, dass ich nicht drauf gesessen habe, sonst wär’ ich mitverschwunden.“

Mit großer Präzision beschreibt das Enneagramm (über die obigen Grundeinsichten hinaus) neun verschiedene Charaktertypen und deren Aufmerksamkeitsstile. Für Kenner ein probates Mittel zur Beleuchtung eigener Befangenheiten: Wer den psychologisch-spirituellen Schatz als Hilfe zur Selbsterkenntnis nutzt, entspricht seinem ur-eigentlichen Daseinszweck.
Doch werden Geschichtenerzähler, die von der Stimmigkeit des Modells überzeugt sind, bei ihrer literarischen Arbeit, insbesondere bei der Figurengestaltung, auf den von modernen Psychologen wie Oscar Ichazo und Claudio Naranjo präzisierten Charaktere-Fundus nicht verzichten wollen.

Drei Ostermayer-Erzählprogramme, die wesentlich unter Zuhilfenahme des Enneagramms entstanden sind, verweisen bereits im Titel darauf:

Der Nasreddin-Abend: „Neun prächtige Esel“, siehe hier.

Der Legenden-Strauß: „Neun Blümlein des Heiligen Franz“, siehe hier.

Die Artus-Nachdichtung: „Neun Damen und Herren zu Camelot“, siehe hier.>

Wer mehr über „Das Enneagramm und seine Tauglichkeit als literarisches Hilfsmittel“ erfahren möchte oder gar einen Referenten / eine Referentin zum Thema sucht, wendet sich direkt an Hansjörg Ostermayer. Siehe Kontakt.





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